WIE DIE NÜRNBERGER PROZESSE DAS DOLMETSCHEN FÜR IMMER VERÄNDERT HABEN

Obgleich seit dem letzten Weltkrieg bereits knapp ein Jahrhundert vergangen ist, sind dessen Folgen auch heute noch spürbar. Die Gräueltaten, die weltweit stattgefunden haben, können uns noch heute als Lehre dienen, wobei das Ende des Zweiten Weltkrieges auch eine Zeit war, in der man sich gezwungen sah, in sich zu kehren und dafür zu sorgen, dass es nie wieder zu ähnlichen Grausamkeiten kommen wird. Hierzu gehört auch eine Reihe von Prozessen, die durch ihre Urteile gegen die bekanntesten Vertreter des Dritten Reiches Berühmtheit erlangten und zwischen den Jahren 1945 und 1949 in der deutschen Stadt Nürnberg stattgefunden haben.

Die Nürnberger Prozesse waren nicht nur aufgrund des ersten derartigen Prozesses im Justizwesen bekannt, sondern durchleuchteten vielmehr auch die Auffassung des Dolmetschens im Allgemeinen. Vor den Prozessen wurde das Dolmetschen nur konsekutiv durchgeführt. Diese Art der Verständigung zeichnet sich dadurch aus, dass der Sprecher etwas in einer Sprache mitteilt und der Dolmetscher das Gesagte anschließend zeitversetzt in eine andere Sprache dolmetscht. Eine derartige Form des Dolmetschens erfordert einen zeitlichen Mehraufwand, was den Alliierten nicht behagte, die Ende des Zweiten Weltkrieges den Internationalen Militärgerichtshof gründeten, der einem einfachen Zweck diente: dem fairen und schnellen Prozess der Angeklagten.

Aus diesem Grund machte der Prozess eine Beschleunigung des Übersetzungsprozesses der Amtssprachen der vier betroffenen Länder – Englisch, Deutsch, Russisch und Französisch – erforderlich. Die Idee für eine neuartige Dolmetschweise stammt von Leon Dostert, einem gebürtigen Franzosen und Fremdsprachenexperten der amerikanischen Streitkräfte. Er war davon überzeugt, dass ein erfahrener Dolmetscher dazu in der Lage ist, gleichzeitig zuzuhören und zu sprechen, weshalb er sich für die Entwicklung eines neuen Systems einsetzte, bei dem alles simultan abläuft. Die Aufgabe war nichtsdestotrotz nicht einfach. Schwierigkeiten traten vor allem bei der Ausstrahlung und beim Empfang aller Sprachen in Echtzeit auf. Die Welt kannte im Jahr 1945 noch keine Bänder und digitalen Anwendungen, die dabei behilflich gewesen wären, diese Aufgabe zu erleichtern. Dostert bat deshalb das amerikanische Technologieunternehmen IBM um Hilfe, das auf seine Initiative hin ein Mikrofon- und Kopfhörersystem für die zeitgleiche Ausstrahlung unharmonischer Töne entwickelte. Dostert beauftragte anschließend Dolmetscher und erprobte mit ihnen den neuen Dolmetschprozess. Dieses Verfahren zeichnete sich dadurch aus, dass die Mitteilung so schnell in die Zielsprache übertragen wurde, wie es dem Dolmetscher– unter Berücksichtigung, dass der Sprecher ohne Unterbrechung sprach – möglich war. Trotz einiger Probleme funktionierte sein System. Die Nürnberger Prozesse gelten deshalb als der erste Fall, bei dem simultan in vier Amtssprachen gedolmetscht wurde. Mit ein paar kleineren Verbesserungen der Technologie wird das Dostert-System auch heute noch verwendet.

In dem beigefügten Video können Sie weitere Einzelheiten über die Funktionsweise erfahren.